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Pataria
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Die Pataria war eine ekstatische religiöse Bewegung im 11. Jahrhundert in Oberitalien. Der Ursprung des Namens ist ungeklĂ€rt.cite-ref-1[1] Die Bewegung, die Mitte des 11. Jahrhunderts in Mailand entstanden war und spĂ€testens seit 1075 als Pataria bezeichnet wurde, breitete sich vom Zentrum Mailands bis nach Cremona, Piacenza und Brescia aus und besaß auch Verbindungen nach Florenz. Der Name Patarener wurde in spĂ€terer Zeit pauschal und ohne historische KontinuitĂ€t fĂŒr die Katharer weiterverwendet.

Contents

‱ Bedeutung
‱ Neubeginn
‱ Spaltung
‱ Literatur

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Bedeutung

Entstehung und Entwicklung der Pataria sind eng verwoben mit den großen Konfliktlinien des 11. Jahrhunderts. Von zentraler Bedeutung war auch hier der Streit zwischen Papst und Königtum um die Investitur der Bischöfe. Er wurde zum Ende des 11. Jahrhunderts zu einem grundsĂ€tzlichen Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt.

Vor diesem Hintergrund ist das Wirken der Pataria, einer religiösen Bewegung, in mehreren oberitalienischen StĂ€dten zu sehen. Radikale Kleriker und, in der ĂŒbergroßen Mehrheit, Laien nahmen in Mailand, Cremona, Piacenza und Brescia gegen den örtlichen Bischof bzw. Erzbischof und den jeweiligen stĂ€dtischen Klerus die sittliche und religiöse Erneuerung in die eigenen HĂ€nde. Insbesondere der Reichtum des höheren Klerus, das Konkubinat vieler Kleriker und die Simonie waren Gegenstand ihrer Kritik.cite-ref-2[2] Dabei nutzten sie geschickt die bestehenden frĂŒhkommunalen Strukturen fĂŒr ihre Agitation und die Durchsetzung ihrer Ziele. So erfuhren die bereits bestehenden Formen gemeinschaftlicher Willensbildung und Entscheidungsfindung eine deutliche Aufwertung. Das Wirken der Pataria wurde zu einem Beschleuniger der kommunalen Entwicklung in Oberitalien.

Entstehung – Aufstieg – Scheitern

Der Verlauf der ersten Pataria und ihres Kampfes zur Reinigung und sittlichen Hebung des MailĂ€nder Klerus kann grob in zwei Phasen eingeteilt werden. Seit ungefĂ€hr 1055 lĂ€sst sich Ariald, der BegrĂŒnder der Pataria, nachweisen. Sein erstes Auftreten entsprach den Reformbestrebungen der Mitte des 11. Jahrhunderts. Er predigte teilweise unter dem Einfluss römischer Reformideen eine radikale SĂ€uberung des MailĂ€nder Weltklerus, dem vor allem die SĂŒnde der Simonie vorgehalten wĂŒrde. Von zentraler Bedeutung war die UnterstĂŒtzung durch den Domkleriker und Abkömmling aus einer der fĂŒhrenden MailĂ€nder Adelsfamilien, Landulf Cotta. Die verschiedenen Quellen heben besonders seine Redekunst hervor. Ihm gelang es, den MailĂ€ndern BĂŒrgern in oft drastischer Sprache zu vermitteln, dass ein kĂ€uflicher und unkeuscher Klerus ihr aller Seelenheil bedrohe. Als grĂ¶ĂŸter Erfolg dieser Zeit gilt mit Hilfe einer pĂ€pstlichen Legation unter der FĂŒhrung von Petrus Damiani und Anselm von Lucca, spĂ€ter Papst Alexander II., die Erzwingung eines Eides, mit dem Erzbischof Wido (1045–1071) und die Gesamtheit des MailĂ€nder Domklerus der Simonie entsagten. Nachdem Landulf um 1062 an den SpĂ€tfolgen frĂŒherer Misshandlungen gestorben war, begann mit dem Auftreten des Laien Erlembald, seines mĂ€chtigen und angesehenen Bruders, 1064 eine neue Phase der Pataria, die bis zu dessen Tod im FrĂŒhjahr 1075 anzusetzen ist. Sie ist gekennzeichnet durch die deutliche und von vielen MailĂ€ndern durchaus kritisch gesehene Anlehnung der Patarener an die römischen Reformer und lang andauernde Auseinandersetzungen um die (Neu-)Besetzung des erzbischöflichen Stuhls. Mit Erlembald waren auch seine Vasallen und Lehnsleute in die Pataria eingebunden, die damit seit 1064 deutlich kriegerische ZĂŒge erhielt.

Erlembald erreichte 1066 in Rom die Exkommunikation des MailĂ€nder Erzbischofs Wido, unterschĂ€tzte aber anscheinend die Heftigkeit der Gegenreaktionen innerhalb Mailands. Ariald musste noch im selben Jahr die Stadt verlassen und wurde auf der Flucht von seinen Gegnern ermordet. Nach dem MĂ€rtyrertod Arialds war die Pataria nun auf Erlembalds alleinige FĂŒhrung ausgerichtet. Erlembald, der sich immer wieder auf seinen pĂ€pstlichen Auftrag berief, stand zum Schluss zwar zunehmend isoliert da, weil seine radikalen Aktionen von der Mehrheit der Stadtbevölkerung immer weniger gutgeheißen wurden, dominierte aber mehrere Jahre die MailĂ€nder Politik. Erst ein Großbrand im Jahre 1075 gab seinen Gegnern, die immer wieder als Legitimation die EigenstĂ€ndigkeit der MailĂ€nder gegenĂŒber der römischen Kirche betonten (→ Ambrosianischer Ritus), die Möglichkeit, ihn zu stĂŒrzen. Es gelang ihnen, den Brand gegenĂŒber den MailĂ€ndern als Strafgericht Gottes fĂŒr Erlembalds Taten darzustellen. Am 15. April 1075 wurde Erlembald im Straßenkampf getötet. Mehrere der engsten AnhĂ€nger Erlembalds wurden getötet oder verstĂŒmmelt, anderen gelang die Flucht nach Cremona, einigen vielleicht sogar nach Florenz.

Nicht zu unterschĂ€tzen ist die soziale Komponente dieser Auseinandersetzungen. Zwar kamen die AnhĂ€nger der Pataria aus allen StĂ€nden, aber alle Quellen, auch die patariafreundlichen, betonen die breite nichtadlige AnhĂ€ngerschaft, wĂ€hrend die adligen Familien, aus deren Reihen der MailĂ€nder Domklerus stammte, Gegner der Pataria waren. Das propatarenische Engagement Erlembalds und Landulf Cottas, Angehörigen der MailĂ€nder FĂŒhrungsschicht, stellt somit eine Ausnahme dar.

Öffentlichkeit – StĂ€dtische Gemeinschaft – Volksversammlung

Bei der Untersuchung des Wirkens der Pataria in den Jahren von 1057 bis 1075 tritt nicht nur die Aufwertung der stĂ€dtischen Gemeinschaft als eine in sich zusammenhĂ€ngende Struktur, deren Teile funktional aufeinander abgestimmt und bezogen waren, immer deutlicher hervor, sondern auch die Bedeutung von Öffentlichkeit als Raum, in dem die Auseinandersetzungen zwischen Patarenern und Vertretern der ambrosianischen Ordnung ausgetragen wurden. War die stĂ€dtische Gemeinschaft Mailands sowohl der Geltungsbereich als auch der TrĂ€ger und Garant der bestehenden Ordnung, so bedeutete Öffentlichkeit die demonstrative Beteiligung und Verpflichtung aller bzw. die PrĂ€senz der stĂ€ndigen, sozusagen alltĂ€glichen Lebensgemeinschaft. D. h., das zu Behandelnde und zu Entscheidende stand jedermann offen und bei wichtigen, alle betreffenden Maßnahmen, Entscheidungen, VertrĂ€gen und Einungen hatte Öffentlichkeit konsensstĂ€rkenden und begrĂŒndenden Charakter. Damit verbunden war auch ein Wachstumspotenzial der Bedeutung öffentlicher Rede. Weitgehende Maßnahmen waren daher in den tiefgreifenden Auseinandersetzungen um die Reinheit der MailĂ€nder Kirche auch von den mĂ€chtigsten stĂ€dtischen Gruppierungen nur im Zusammenwirken mit der Stadtgemeinde in der Volksversammlung durchsetzbar. Sollte ĂŒber die Gemeinschaftsbildung Arialds und dem hastigen Aktionismus der frĂŒhen Jahre hinaus eine Etablierung und Wirkung der Pataria auf Dauer erreicht werden, so war dies die Instanz, auf die eingewirkt werden musste.

Aus diesem Grund war es keineswegs ein Zufall, dass die Patarener wiederholt die Volksversammlung und die Orte, wo sie stattfand, fĂŒr ihre Agitation wĂ€hlten. Hier bestand die Möglichkeit, möglichst rasch eine große Zahl von Einwohnern zu informieren und zu vereinigen. Das Mittel der Vollversammlung wurde durch das Wirken der Pataria von einer schon lang eingeĂŒbten zur breit beanspruchten Praxis. Die benutzten Handlungsmuster werden schon fĂŒr das Jahr 1057 erkennbar, als Boten schriftliche Aufrufe Arialds auf den PlĂ€tzen der Stadt verlesen und damit zur Versammlung aufgerufen wurde. Die Vorgeschichte dieser Aktion: Nachdem ein Angehöriger des MailĂ€nder Domklerus Ariald nach beleidigenden Äußerungen ĂŒber die ambrosianische Geistlichkeit geschlagen hatte, liefen Landulf und mehrere andere Patarener unter lautem Schreien zum Theater und von dort wurden dann die Boten ausgeschickt, um alle zu versammeln. Durch das laute Schreien des Opfers wurde nicht nur vor den Augen aller Anklage erhoben, sondern es sollte auch die stĂ€dtische Gemeinschaft um Schutz und Bestrafung angerufen und das dafĂŒr notwendige sofortige Zusammenfinden der stĂ€dtischen Gemeinschaft bewirkt werden. Selbst patarenerfeindliche Quellen vermerken hier keine WiderstĂ€nde und Irritationen. Alle Angehörigen der stĂ€dtischen Gemeinschaft fanden sich wie selbstverstĂ€ndlich ein. Öffentlich – am besten mit seinen AnhĂ€ngern – das angetane Unrecht zu beklagen, darauf kam es an, damit war Öffentlichkeit geschaffen, die stĂ€dtische Gemeinschaft zur Ordnungswahrung aufgerufen. Gerade die Benutzung der ,legalen‘ Versammlungsformen und -foren sicherte darĂŒber hinaus breiteste Aufmerksamkeit. Auf diesem Wege konnten sich die Patarener und auch die Ambrosianer das notwendige Maß an Öffentlichkeit sichern. Es stand nicht von vornherein fest, ob die erhoffte Art der Mobilisierung aller glĂŒckte, daher boten sich schon aus sehr praktischen GrĂŒnden das Theater, der Dom oder S. Ambrogio an, traditionelle Versammlungsorte, die durch Prestige und Architektur ein gewisses Maß an Kontrolle bzw. erzwungene eidliche Verpflichtungen auch widerstrebender Anwesender gewĂ€hrleisten konnten.

Die in den Quellen oft beilĂ€ufig erwĂ€hnte Versammlung zum Beispiel im Theater war nicht nur der Ort öffentlicher Debatten und gemeinsamer Entschließungen, sondern auch eine Art Anklageforum bei VerstĂ¶ĂŸen gegen den stĂ€dtischen Frieden und gegen die idealiter von allen getragene stĂ€dtische Friedensordnung. Dass wir hier nicht nur ein Abstraktionsprodukt, sondern ein quellenmĂ€ĂŸig fassbares Bewusstsein vor uns haben und die qualitative VerĂ€nderung dessen, was frĂŒher und jetzt dort entschieden wurde, fassbar wird, zeigen ganz besonders Berichte des patariafeindlichen Landulf des Älteren zu Übergriffen auf die PatarenerfĂŒhrer Ariald und Landulf. Sie machen deutlich, dass gerade der Vorwurf der Verletzung des stĂ€dtischen Friedens wiederholt der Grund fĂŒr eine Einberufung der Volksversammlung war. Auch wenn der Eindruck besteht, dass die Patarener in von Landulf dem Älteren beschriebenen FĂ€llen den Grund fĂŒr die Einberufung durch gezielte Provokationen selbst geschaffen haben könnten, so wird dennoch deutlich, dass eine solche Versammlung aller weder willkĂŒrlich einberufen werden konnte, noch, so ist zu vermuten, einfach aufgelöst bzw. missachtet werden konnte. Danach bemaß sich nicht nur die Stellung des einzelnen StadtbĂŒrgers innerhalb der Stadtgemeinde, sondern auch Erlembalds immer wieder zu aktualisierende AutoritĂ€t in der zweiten Phase der Pataria. Die Volksversammlung ist damit nicht nur als Schauplatz spektakulĂ€rer Ereignisse, sondern auch als Ort politischer Entscheidungsfindung zu betrachten.

Die farbigen Berichte Landulfs ĂŒber die mit dem Wirken der Pataria verbundenen Ausschreitungen können nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass in den von den Quellen beschriebenen, mit Fanfaren und GlockengelĂ€ut einberufenen Versammlungen nicht unbestĂ€ndiger Pöbel, sondern die MailĂ€nder Einwohnerschaft grundsĂ€tzliche, fĂŒr alle bindende Entscheidungen getroffen und mitgetragen hat, und sich durch das iuramentum commune zur Einhaltung verpflichtete. Dies galt betont auch fĂŒr die kirchliche Ordnung der Stadt. Aus der Perspektive Arnulfs, eines anderen patariafeindlichen Autors, und Landulfs des Älteren waren diese Versammlungen Ausdruck politischer Macht, die von den Patarenern missbraucht werden konnten. Aber auch von Seiten der Vertreter der altambrosianischen Partei erblickte man hier eine legitimierende Macht, derer man sich bedienen konnte.

Neubeginn

Der Tod Erlembalds 1075 war nicht das Ende der Pataria in Mailand. SpĂ€testens 1095 wird deutlich, dass es wieder eine neue aktive Pataria gab. Ihre Bedeutung innerhalb Mailands wurde von Arnulf III. durchaus gewĂŒrdigt, worauf die Erhebung der Gebeine des PatarenerfĂŒhrers Erlembald durch Papst Urban II. und Erzbischof Arnulf III. im Mai 1095 verweist. Man kann dieses zentrale Ereignis als Versuch des Erzbischofs werten, zu einem Ausgleich mit den Patarenern zu kommen, die nun wieder als feste GrĂ¶ĂŸe im stĂ€dtischen Leben etabliert waren. Demonstrativ wurde bald allen vor Augen gefĂŒhrt, dass sich die VerhĂ€ltnisse in Mailand geĂ€ndert hatten. Dass eine jetzt positive Bewertung der ersten Pataria auch fĂŒr ihre zweite Phase unter Erlembald zumindest bei Teilen der MailĂ€nder Bevölkerung eingesetzt hatte bzw. beginnen sollte, zeigt die anschließende Translation des 1075 erschlagenen PatarenerfĂŒhrers in die prĂ€chtige Basilika von S. Dionigi mit dem in der NĂ€he liegenden, von Erzbischof Aribert gegrĂŒndeten und reich ausgestatteten gleichnamigen Monasterium. Damit war eine spektakulĂ€re Einbindung des Blutzeugen fĂŒr eine Ausrichtung nach Rom in die ambrosianische Tradition erfolgt, die auch fĂŒr die Folgezeit Bestand hatte.

Auch die Agitationen begannen wieder. Sie sind verbunden mit Liprand, einem engen Vertrauten Erlembalds, der nach dessen Tode verstĂŒmmelt worden war. Er hatte aber die erlittenen Misshandlungen ĂŒberlebt. Petrus Crassus informiert in seiner Ende 1083 verfassten Defensio Heinrici regis ĂŒber das Weiterwirken der Pataria in Mailand, wobei Liprand zwar als entstellt, aber dennoch weiter agitierend beschrieben wird. In einem Brief noch aus dem Jahre 1075 tröstet Gregor VII. Liprand nicht nur wegen der erlittenen Misshandlungen, sondern drĂ€ngt ihn auch, weiterhin sein Priesteramt auszuĂŒben. Der ausdrĂŒckliche Hinweis, dass er fĂŒr den Fall, dass er nach Rom kĂ€me, mit großen Ehren aufgenommen wĂŒrde, lĂ€sst nicht nur darauf schließen, dass sich Liprand weiterhin in Mailand befand, sondern auch, dass seine Rolle innerhalb der Pataria doch bedeutender war, als es frĂŒhere diffamierende Äußerungen des Chronisten Arnulf erscheinen lassen. Dabei ließe sich auch argumentieren, dass Liprand eine wichtige Rolle gespielt haben muss, sonst hĂ€tte Arnulf sich wohl kaum die MĂŒhe gemacht, ihn herabzusetzen.

Gregor VII. gewĂ€hrte Liprand zudem den pĂ€pstlichen Schutz und verlieh ihm Ende 1075 das Appellationsrecht, ein Privileg, das spĂ€ter von diesem Papst auch einigen „Gönnern des seligen Ariald“ gewĂ€hrt wurde. Dennoch scheint die Pataria ab 1075 lĂ€ngere Zeit keine bedeutende Rolle mehr zu spielen.

Spaltung

Ab 1096 erscheint sie dennoch wieder offen in Aktion, als erneut eine konfliktreiche Neubesetzung des MailĂ€nder Bischofsstuhls anstand. Die nun anstehenden Auseinandersetzungen um die MailĂ€nder Erzbischöfe Anselm IV., Grossolan und Jordanus zeigen erneut, wie stĂ€dtische Parteiungen um die UnterstĂŒtzung der Stadtgemeinde ringen und in der Volksversammlung versucht wird, diese Konflikte zu entscheiden und beizulegen. Aber die Zeiten hatten sich auch fĂŒr die Pataria geĂ€ndert. Die Gemeinschaft der Patarener war von einem langfristigen Schisma betroffen, das sie in zwei Gruppen unter Liprand und unter Nazarius Muricula aufspaltete. Das fĂŒhrte dazu, dass jede der beiden Patarenergruppen in den folgenden Jahren einen anderen Kandidaten bei der Besetzung des MailĂ€nder Bischofsstuhl unterstĂŒtzte. Wie zur Zeit der ersten Pataria spielte auch 1096/97 zusĂ€tzlich der sensible Bereich des VerhĂ€ltnisses zur römischen Kirche eine wichtige Rolle. Das problematische VerhĂ€ltnis zu Urban II. bzw. zur römischen Kirche war es dann wohl, das zur Spaltung der bestehenden patarenischen Gemeinschaft in einen ‚römischen‘ und ,mailĂ€ndischen‘ FlĂŒgel fĂŒhrte. 1097 standen die Patarener um Nazarius fĂŒr eine enge und bedingungslose Anlehnung an Urban II., wĂ€hrend die Patarener um Liprand lediglich die UnterstĂŒtzung durch Urban II. im Kampf zur Reinigung der MailĂ€nder Kirche verlangten und sich nicht als Instrument des Papstes sahen.

Der neue Erzbischof Anselm IV. bemĂŒhte sich um breiten RĂŒckhalt bei beiden patarenischen Gruppen. Einen deutlichen Hinweis darauf gibt die 1099 von Anselm IV. vorgenommene, demonstrative Translation nun auch der Gebeine des PatarenerfĂŒhrers Ariald nach S. Dionigi. Dies könnte der deutlichste Versuch gewesen sein, nachtrĂ€glich die UnterstĂŒtzung der ihm ablehnend gegenĂŒberstehenden Patarener unter Liprand zu gewinnen. Mit den Translationen der Gebeine Erlembalds und Arialds vom alten PatarenerstĂŒtzpunkt S. Celso zum prĂ€chtigen Monasterium S. Dionigi, der GrĂŒndung des zu diesem Zeitpunkt schon legendĂ€ren Erzbischofs Aribert aus der ersten HĂ€lfte des 11. Jahrhunderts, war die Pataria innerhalb weniger Jahre zweimal durch die MailĂ€nder Erzbischöfe aufgewertet und demonstrativ in die ambrosianische Tradition eingebunden worden.

FĂŒr Anselm IV. scheint die Erlangung der UnterstĂŒtzung aller MailĂ€nder Gruppen fĂŒr den bevorstehenden ersten Kreuzzug von besonderer Bedeutung gewesen zu sein. Das Kreuzzugsunternehmen war wahrscheinlich nicht nur bei den Patarenern umstritten. Dass es Anselm dennoch gelang, eine breite UnterstĂŒtzung zu gewinnen, zeigt der Aufbruch der zahlenmĂ€ĂŸig durchaus eindrucksvollen lombardischen Abteilung nach Kleinasien im Jahre 1100. Neben vielen anderen angesehenen MailĂ€ndern nahmen bezeichnenderweise auch ehemalige Gegner des neuen Erzbischofs daran teil.

Gottesurteil

Anselm IV. starb am 30. September 1101 in Konstantinopel nach dem spektakulĂ€ren Scheitern der lombardischen Kreuzfahrer. Die Erhebung seines Nachfolgers Grossolan war von Anfang an derart umstritten, dass dieser sich bald gezwungenermaßen einem, von dem PatarenerfĂŒhrer Liprand schon lĂ€nger geforderten Gottesurteil unterzog, das unter tumultĂ€hnlichen Bedingungen stattfand. Liprand hatte nach Vorbild der Vallombrosaner in Florenz die Feuerprobe mit SimonievorwĂŒrfen gegen Erzbischof Grossolan begrĂŒndet und sich bereit erklĂ€rt, den Scheiterhaufen zu durchschreiten, um die Richtigkeit seiner Anschuldigungen zu beweisen. Die Quellen, insbesondere Landulf der JĂŒngere, ein Neffe Liprands, ĂŒberliefern ein vorangegangenes tumultuarisch verlaufendes, öffentliches StreitgesprĂ€ch, in dem sich der umstrittene Erzbischof im Vorfeld der Feuerprobe vergeblich gegen die SimonievorwĂŒrfe wehrte. WĂ€hrend Grossolan angeblich auf die hinter ihm stehende pĂ€pstliche AutoritĂ€t vertraute, gelang es Liprand in der Volksversammlung die Stadtgemeinde davon zu ĂŒberzeugen, dass die Feuerprobe unbedingt durchgefĂŒhrt werden mĂŒsse. Mit der AutoritĂ€t der Volksversammlung wurde dann das Gottesurteil vollzogen.

Besonderes charakteristisch am Verlauf des Gottesurteils ist, dass seine RechtmĂ€ĂŸigkeit als objektives Verfahren durch – wahrscheinlich paritĂ€tisch ausgewĂ€hlte – Beauftragte der Volksversammlung gewĂ€hrleistet wurde. Die MailĂ€nder Stadtgemeinde nahm fĂŒr sich in Anspruch, in einem objektiven Verfahren, dem Gottesurteil, dessen RechtmĂ€ĂŸigkeit sie durch Teilnahme ihrer Beauftragten gewĂ€hrleistete, ĂŒber die RechtmĂ€ĂŸigkeit der UmstĂ€nde der Erhebung und die AmtsfĂŒhrung ihres Erzbischofs eine Entscheidung herbeizufĂŒhren. Grossolan verließ nach dem zu seinen Ungunsten verlaufenen Gottesurteil vom 25. MĂ€rz 1103, als Liprand anscheinend die Feuerprobe bestanden hatte, fluchtartig die Stadt. Er wandte sich nun selbst an Papst Paschalis II., aber die römische Entscheidung zu seinen Gunsten aus dem Jahre 1105 wurde in Mailand ignoriert. AuffĂ€llig ist, dass sich auch Liprand spĂ€testens um 1105/6 nicht mehr in Mailand befand. Schon kurz nach der Feuerprobe waren nĂ€mlich Zweifel aufgekommenen. Die nach mehreren Tagen immer noch außergewöhnlich schweren Verletzungen ohne sichtbaren Heilungsfortschritt an den HĂ€nden und FĂŒĂŸen Liprands zeigten nach Ansicht vieler, dass auch er das Gottesurteil nicht bestanden hatte. Die hilflose ErklĂ€rung, dass ein Pferd noch nachtrĂ€glich auf Liprands Fuß getreten hĂ€tte, scheint die Spannungen eher noch verstĂ€rkt zu haben. Es kam erneut zu bewaffneten Auseinandersetzungen, in deren Verlauf sich erneut ein großer Teil der stĂ€dtischen Gemeinschaft eidlich verband. Liprand musste bald nach Grossolan die Stadt verlassen und damit endet die ĂŒberlieferte Geschichte der Pataria in Mailand und Oberitalien.

Quellenlage

FĂŒr den Zeitraum der ersten Pataria in Mailand gibt eine zeitgenössische, Ă€ußerst reiche Überlieferung, wie sie sonst fĂŒr oberitalienische StĂ€dte nicht existiert und die sich zum Teil zur Pataria sehr kritisch Ă€ußerte. Die im Vergleich große Anzahl von Berichten ĂŒber das Wirken der Patarener, ihre soziale Breitenwirkung und der durch sie verursachten ErschĂŒtterungen des religiösen und politischen Gemeinwesens hat seinen tieferen Grund in den heftigen emotionalen Reaktionen, welche die Auseinandersetzungen in der lombardischen Metropole beherrschten und die zeitgenössischen Quellen in ihrer situationsbedingten Ausformung im Wesentlichen initiierten. Besonders fĂŒr die Autoren, die die alte Ordnung gegen die Patarener verteidigten, gilt: Die einzelnen Chronisten hielten bei der Reflexion der zeitgenössischen Ereignisse fĂŒr sie wichtige Ereignisse fest, um aus ihnen nachahmenswerte oder abschreckende Beispiele politischen und sittlichen Verhaltens zu machen. Die fĂŒr die Zeit der Patarener vorliegenden historiographischen und hagiographischen Berichte sind fast immer leidenschaftliche Stellungnahmen fĂŒr oder gegen die patarenische Bewegung. In ihren historischen Wahrnehmungsweisen charakterisieren sie in ihren unterschiedlichen Perspektiven die interpretatorische Spannweite dieser Jahre und reprĂ€sentieren Geschichtsschreibung mit unmittelbarem Bezug zum Handeln. Dabei galt gerade fĂŒr die Beurteilung der Pataria durch die Protagonisten der altambrosianischen Ordnung: Eine derart bedrohliche Bewegung wie die Pataria konnte nicht einfach nur verurteilt werden. Es musste auch versucht werden, sie zu interpretieren, denn die tieferliegenden Prinzipien des Handelns der Patarener haben bereits den Zeitgenossen – und nicht minder den spĂ€teren Generationen – RĂ€tsel aufgegeben und Kontroversen hervorgerufen.

Das PhĂ€nomen der Pataria, deren hervorstechendste Signatur ihre ĂŒberaus starke und viel kritisierte Mobilisierung und Beteiligung von Laien war, bedurfte der Ver- und Aufarbeitung. FĂŒr beide Seiten – die Patarener und die Vertreter der ĂŒberlieferten ambrosianischen Ordnung – galt es, das Verhalten der eigenen Richtung verstĂ€ndlich zu machen, auch und vor allem durch Schilderung von Reden, Verhandlungen, Verabredungen und Einigungen. Die Autoren waren durchweg Geistliche und ihr Blick konzentrierte sich auf den Zustand und die Bedrohung der MailĂ€nder Kirche bzw. auf die Krise der ambrosianischen Ordnung. Dass deren Zustand vor den Auseinandersetzungen keineswegs einwandfrei war, wird dabei manchmal auch durch die proambrosianischen Autoren eingerĂ€umt.

Die Quellen geben keine wie auch immer geartete Schilderung der „AnfĂ€nge der Kommune“. Aber die tiefgreifende Krise forderte auch einen breiten Raum zur Beschreibung weltlicher Ereignisse, mit einigen fragmentarischen ErklĂ€rungsversuchen der sich verĂ€ndernden strukturellen Rahmenbedingungen. In der Literatur wird oft auf „Auslassungen“ und „VerfĂ€lschungen“ in den einzelnen Berichten hingewiesen. Das kann aber nicht als hinreichender Bewertungsmaßstab fĂŒr einzelne Autoren betrachtet werden, diese „MĂ€ngel“ verdeutlichen vielmehr die unterschiedlichen Wahrnehmungen der VorgĂ€nge durch die unmittelbar betroffenen Zeitzeugen. Da die wichtigsten Quellen erst in den 1070er Jahren abgefasst wurden, waren den Autoren ebenso wie den Adressaten ihrer Werke wohl kaum noch alle Einzelheiten der FrĂŒhzeit der patarenischen Wirren seit den 1050er Jahren gegenwĂ€rtig.

Als Ă€ußerst problematisch mĂŒssen Vorstellungen permanenten Aufruhrs und andauernder KĂ€mpfe von 1057 bis 1075 betrachtet werden, auch wenn die immanente Auswahl und gedrĂ€ngte Darstellung des zu Berichtenden vor allem bei Arnulf und Landulf dem Älteren eine derartige Sicht nahelegen. Besonders der Bericht Landulfs des Älteren, der die Auseinandersetzungen in Mailand extrem schildert, ist durch sein Darstellungsziel deutlich geprĂ€gt. Er versucht aufzuzeigen, wie die gottgewollte und bewĂ€hrte alte Ordnung durch den Ansturm der Pataria bedroht wurde, wie gefĂ€hrlich deren Umtriebe waren und wie knapp das VerhĂ€ngnis noch einmal abgewendet wurde. Seine systematische Darstellungsweise fĂŒhrt dabei oft durch mehrere Jahre getrennte und unverbundene Ereignisse unter VerkĂŒrzung des zeitlichen Abstands zugunsten eines geschlossenen Bildes zusammen. So entsteht schnell das Bild eines stĂ€ndigen Aktionismus der ,Straße‘, das durch die Konzentration auf die spektakulĂ€ren Höhepunkte den Alltag fast völlig auszusparen scheint. Aber auch bei Landulf dem Älteren ist auffĂ€llig, wie sehr sich das eigentlich entscheidende Geschehen im weiteren Verlauf von der ,Straße‘ in die Versammlungen der Stadtbewohner verlagert.

Literatur

‱ Hagen Keller: Pataria und Stadtverfassung. In: Investiturstreit und Reichsverfassung (= VortrĂ€ge und Forschungen 17). Sigmaringen 1973, S. 321–350 (grundlegend).
‱ Hagen Keller, Olaf Zumhagen: Pataria. In: Theologische RealenzyklopĂ€die (TRE). Band 26, de Gruyter, Berlin / New York 1996, ISBN 3-11-015155-3, S. 83–85.
‱ Paolo Golinelli: La pataria. Mailand 1984.
‱ Paolo Golinelli: Pataria. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6. Berlin 1993, Sp. 1776f.
‱ Olaf Zumhagen: Religiöse Konflikte und kommunale Entwicklung. Mailand, Cremona, Piacenza und Florenz zur Zeit der Pataria. Köln 2002 (mit Beschreibung des Verlaufs der Pataria auch in den NachbarstĂ€dten).
‱ Gerd Tellenbach: Die westliche Kirche vom 10. Bis zum frĂŒhen 12. Jahrhundert. Göttingen 1988.
‱ Anton KrĂŒger: Die Pataria in Mailand:

‱ Die Pataria in Mailand I. Breslau 1873 (Digitalisat)
‱ Die Pataria in Mailand II. Breslau 1874 (Digitalisat)

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Nach dtv Wörterbuch der Kirchengeschichte von Carl Andresen und Georg Denzler; dtv 3245, MĂŒnchen 1984(2), ISBN 3-423-03245-6, Pataria, S. 460, handelt es sich um ein Stadtviertel des mittelalterlichen Mailand, nach dem die Patarener benannt sind. Das dtv-Wörterbuch zur Geschichte (dtv 3037, MĂŒnchen 1983(2), ISBN 3-423-03037-2) ĂŒbersetzt Pataria mit „Lumpengesindel“, was der WorterklĂ€rung in der italienischsprachigen Wikipedia nahekommt.
cite-note-22. ↑ Pataria, in: dtv Wörterbuch zur Geschichte, Band 2, dtv 3037, MĂŒnchen 1983 (5), S. 601.